Leserbriefe

Eröffnungsrede von Carmen Szadzik zur 12. Eröffnungsveranstaltung am 7. Juni 2011 im Gartenbauzentrum SH, Thiensen, Ellerhoop

Liebe Gäste, liebe Pressevertreter und verehrte Gastgeber vom Ausbildungszentrum, verehrter Herr Heller und Gattin,

ich habe heute etwas mitgebracht, was zu meiner Schulzeit ausgiebigst im Umlauf war und Objekt der Begierde und des Abscheus zugleich. Die Mädchen liebten es, die Jungs hassten es, insbesondere wenn es ihnen zwecks persönlicher Verewigung gleichsam aufgenötigt wurde und sie ungefähr im Zweiminutentakt an Erledigung und Rückgabe gemahnt wurden.

Das Poesiealbum.

Meine Poesiealben (ja, ich habe mehrere voll bekommen) sind mir heute noch lieb und teuer, bieten sie doch einen guten Querschnitt durch die kindliche und unverstellte Sicht aufs Glück. Denn darüber werde ich heute sprechen. Über das Glück, dem wir Gärtner ja so oft begegnen!

Auf Seite 8 mit deutlichen Spuren übermäßigen Gebrauchs des Tintenkillers (ein Wort, das ich seit 35 Jahren nicht mehr benutzt habe) mein favorisierter Eintrag: “Lebe glücklich, lebe froh, wie der Mops im Paletot.” Allerdings wusste ich damals weder was ein Palletot ist und auch Möpse waren mir noch nicht untergekommen. Ich bin am Zonenrand aufgewachsen. Da gab es zwei Fernsehsender und als Hunde waren je nach Grundstücksgröße Schäferhunde oder Dackel vorgesehen. Bei uns reichte es sogar nur zu einem Zwergdackel. Von Möpsen keine Spur. Ich glaube, selbst die symbolische Übertragung auf hervorstechende sekundäre Geschlechtsmerkmale kam sogar erst später auf. Ich weiß noch, dass ich mir unter dem Mops im Palletot so etwas wie eine Sardine in einer Dose vorgestellt hatte. Aber GLÜCKLICH. Die Hauptsache war, dass der Spruch sich hübsch reimte und vor allem kurz war. Und somit optimal zitierfähig für externe Eintragungswünsche.

Der zweite, recht überstrapazierte Rat zum Glücklichsein findet sich auf den Seiten 11,17, 26 und 35 und 41. Es handelt sich hier um den Top-Performer der Mädchen: “Das Glück der Erde liegt auf dem Rücken der Pferde.”
Ehrlich gesagt, habe ich es dort als erwachsene Frau nur noch mal so der Vollständigkeit halber gesucht, bin aber nicht fündig geworden. Fündig geworden bin ich allerdings im Hinblick auf eine interessante Beobachtung eines Nobelpreisträgers aus den 50er Jahren (Bertrand Russell (1872-1970), brit. Philosoph u. Mathematiker, 1950 Nobelpr. f. Lit.). Der Herr Russell stellt fest: “Wenn ich mit intellektuellen Freunden spreche, festigt sich in mir die Überzeugung, vollkommenes Glück sei ein unerreichbarer Wunschtraum. Spreche ich dagegen mit meinem Gärtner, bin ich vom Gegenteil überzeugt.” Wenn wir mal großzügig darüber hinwegsehen, dass hier Intellekt und Gärtnerdasein als Gegenpole herhalten, erlaubt dieses Zitat eine simple Schlussfolgerung: Denken hilft, macht aber nicht glücklich. Gärtnern hingegen schon. Mehr noch, wer gärtnert, wirkt anscheinend sogar ansteckend. Quasi als Botschafter des Glücks! Aber kann das sein?

Ich wette, Sie alle kennen mindestens eine Dutzend Leute, die ihren Garten nicht als Ort der Freiheit, sondern als Sinnbild der Knechtschaft empfinden. Die den Rasenmäher lieber heute als morgen gegen die Segeljolle und die Astschere gegen den Schraubenzieher tauschen würden. Und die uns hier allesamt für ein bisschen überspannt halten. Nicht genug, dass wir jede freie Minute im Garten puzzlen. Nein, wir laden uns auch noch Hunderte von Besuchern ein, um den Wahnsinn auf die Spitze zu treiben. Das reine Vorhandensein einer mehr oder weniger geglückt begrünten Fläche dient nach meiner Beobachtung also keinesfalls als Indikator für Glück.

Schauen wir, was die einzelnen Disziplinen der universitären Glücksforschung zur Erhellung beitragen können: In der soziologischen Glücksforschung wurde das Konzept der sog. “Optimalen Beanspruchung” ersonnen. Danach entstehe Glück, durch eine Beanspruchung, welche die Fähigkeiten des Menschen optimal ausnützt. Der Volksmund argumentiert zwar aus der anderen Richtung, aber mit dem gleichen Ziel, indem er behaupte, dass Müßiggang aller Laster Anfang sei.

Schaue ich bei mir, dann hat der Ansatz der Optimalen Beanspruchung durchaus seine Berechtigung: Ich liebe es, zu planen, im Geiste kreativ zu werden und dann ungehindert meine Wunschträume Wahrheit werden zu lassen. Und zwar ganz handfest in Gummistiefeln und mit dem XXL-Spaten. Für mich bedeutet das Freiheit und Vorfreude. Zwei Zustände, in denen ich mich subjektiv glücklich fühle. Entspricht das Ergebnis dann nicht meinen Erwartungen, münze ich die kleine Enttäuschung in die Herausforderung um, hier und da nachzujustieren. Was ich dann in der Regel so ausgiebig tue, dass in unserem Garten jeder einzelne Kubikzentimeter Boden schon einmal den Standort geändert hat.

Die Soziologen haben als weiteren Quell des persönlichen Glücksempfindens die Qualität der sozialen Kontakte ausfindig gemacht. Auch in dieses Konstrukt fügt sich der Garten hervorragend ein. Wie oft stehen Passanten am Gartentor und sprechen mich auf die Blumen an?! Wieviel Gesprächsstoff bietet ein einziges Beet?! Frau Kolberg und ich waren in den vergangenen 2 Jahren im Rahmen unserer Gartenbuchrecherchen runde 10.000 km im Auto unterwegs. 9.000 gefühlte Kilometer davon haben wir über Gärten geredet. Über die, wie wir besucht haben, über die, die wir noch besuchen würden und über die, die wir selbst betreiben. Skeptiker meinen nun, man können keine 15 Stunden lang über die Bepflanzung von 30 qm reden. Aber ich versichere: Man kann! Auf jeden Fall dient die Gartenbegeisterung in hervorragender Weise dem Knüpfen sozialer Netzwerke.

Wem nun die Betätigung im Garten und die Gespräche darüber noch nicht genug Glücksmomente bescheren, kann die biologische Glücksforschung zu Rate ziehen. Bekanntermaßen setzt das Gehirn von Zeit zu Zeit Botenstoffe frei, die zum Seligwerden taugen. Möglicherweise bilde ich es mir ein (aber dann wäre das Ziel ja auch erreicht), aber immer wenn ich die erste Rosenblüte der Gertrude Jekyll rieche, meine ich ein Kribbeln zu verspüren, das direkt von den Duftrezeptoren über einen kleinen Umweg durchs Herz zum Magen weitergereicht wird. Bestimmt gibt es ein rosenölinduziertes Endorphin. Eigentlich bin ich mir dessen sogar ganz sicher!

Last not least hat sich eine Disziplin der ökonomischen Glücksforschung etabliert, die lehrt, dass das Streben nach Glück eine wirtschaftliche Triebkraft ist. Danach wird derjenige im Geschäft erfolgreich sein, dem es gelingt, seinem Kunden Momente des Glücks zu verschaffen. Womit wir auf Umwegen wieder beim Gärtner wären, der besagtem Nobelpreisträger das kleine Geheimnis des vollkommenen Glücks geschenkt hat.

Und womit wir unseren heutigen Gastgebern wären, die Menschen ausbilden, die Menschen glücklich machen. Was für eine lohnende Aufgabe, auf die Herr Heller, Präsident der Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein, in seinem folgenden Grußwort sicher noch einmal genauer eingehen wird.

Ich wünsche uns allen einen vergnüglichen Nachmittag
und ein schönes Gartenjahr 2011

Carmen Szadzik

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Friederike Take, erstmalig Teilnehmerin 2010, verfasste für uns den folgenden Bericht:

Das erste Mal dabei – Meine Erfahrungen mit dem „Offenen Garten“

Am schlimmsten war es im April. Im April, wenn die erste Freude über Winterlinge und Schneeglöckchen abgeebbt ist und in den Beeten noch jede Menge braune Erde sichtbar ist, bin ich immer besonders ungeduldig und versuche geradezu, die Stauden aus dem Boden zu gucken.

Und ausgerechnet in diesem Jahr, in dem nach dem strengen Winter die Vegetation deutlich zurück lag, hatte ich mich zum ersten Mal für die Teilnahme beim „Offenen Garten“ gemeldet. Das konnte nicht gut gehen! Wie sollte ich bis zum 19./20. Juni diesen Garten in ein rauschendes Blütenmeer verwandeln? Erfreulicherweise setzte aber wie überall auch in meinem Garten das Wachstum ein, und mit dem Unkraut in den Beeten keimte in mir die Hoffnung, dass es doch noch klappen könnte.

Nun liegt das Wochenende des „Offenen Gartens“ hinter mir und ca. 130 Gäste haben meinen versteckt liegenden, kleinen Garten bei durchwachsenem Wetter besucht. Die vielen überschwänglichen, begeisterten Kommentare haben mich sehr gefreut.

Waren die Augen der Welt an diesem Wochenende auf die schwedische Prinzessin Viktoria gerichtet, so war der Star in meinem Garten eindeutig „Prinzesse Sturdza“, eine weiße Sterndolde mit auffällig großen Blüten. Auch die Indigolupine, die in diesem Jahr das erste Mal üppig blüht,  zog die Blicke auf sich.

Viele Besucher zeigten sich angetan von der Aufteilung des Gartens, besonders des formalen Teils auf der Nordseite des Hauses. Der mit Frauenmantel bepflanzte alte Koffer rief so manches Schmunzeln hervor.

Zahlreiche positive Äußerungen kamen auch immer wieder zu den Elementen, bei denen ich unsicher war, weil sie nicht dem gängigen Geschmack entsprechen: die Lärchenholzverkleidung des Hauses, das Rankgerüst aus Betonstahlmatten und die „verkehrt herum“ verwendeten Gehwegplatten.

Ehemalige Kursteilnehmer aus meinen VHS-Gartenkursen sind dagewesen, um zu gucken, wie es denn bei mir aussieht. Da kam dann noch einmal positive Rückmeldung zu den Kursen. Nett war auch der Besuch einer “uralten” Bekannten aus den Anfängen der Studienzeit, die inzwischen in Bremerhaven lebt.

So hat sich die viele Arbeit, die ich zweifelsohne hatte, doch gelohnt. Es waren ja noch viele Bereiche nicht fertig angelegt. Da gab es dann noch mache Überraschung:

Seit Jahren war ich an Feldrändern und auf Äckern unterwegs, um Steine für die Trockenmauer am Fuß meines Knicks zu sammeln. Immer wieder habe ich herumgefragt, um günstige Quellen aufzutun. Als der Termin des “Offenen Gartens” näher rückte, und die Mauer immer noch nicht fertig war, entschloss ich mich, in den sauren Apfel zu beißen und die Steine käuflich zu erwerben. Also auf zum Kieswerk  und innerhalb von 10 min 20 perfekte Steine aus einem Haufen gesucht und in den Kofferraum geladen. Mit dem Auto auf die Waage und dann voller Erwartung zum Bezahlen. “Nun lachen Sie mich wegen des Preises aber nicht aus!” war der Kommentar des Mitarbeiters: “Ein Euro vierzehn!” Und ich zerschramme mir die Beine an Brombeerranken, um gnubbelige Steine aus dem Knick zu klauben…  Dies als kleiner Tipp für alle, die Ähnliches vorhaben.

Einen Riesenschreck bekam ich dann noch einmal, als ich am Mittwoch nach Hause kam und in allen umliegenden Straßen Schilder standen: Absolutes Halteverbot ab dem 18.6.”! Jeder Gartenbesucher müsste sich verkohlt vorkommen, wenn er meinen Garten besuchen wollte! Aber ich wohne ja in Kronshagen. Beim Bauamt der Gemeinde hatte man Verständnis für mein Anliegen und hat die Arbeiten so verschoben, dass die umliegenden Straßen pünktlich zum Wochenende fertig waren. Dafür an dieser Stelle ein herzliches Dankeschön!

Dass man bei Backrezepten aus dem Internet sehr genau hingucken muss, habe ich inzwischen auch gelernt. Im ersten ausgedruckten Rezept für den schnellen Butterkuchen war kein Backpulver angegeben. Der klitschige Kuchen landete im Mülleimer. Im nächsten Rezept war kein Mehl angegeben. Aber das habe dann sogar ich gemerkt… und konnte meinen Gästen auch Kuchen anbieten.

Ach, und dann war da noch der Anruf eines wenig sympathisch klingenden Mannes, der sich erkundigte, ob er trotz meines Wunsches, keine Hunde mitzubringen, nicht doch mit seinem Rottweiler kommen dürfe! Ich war so damit beschäftigt, mir zu überlegen, wie ich ihn anwimmele, dass Konrad, mein Sohn, sich schließlich als der Scherzbold zu erkennen geben musste, der mich in Verlegenheit gebracht hatte! Da war das Gelächter natürlich groß.

Alles in Allem war es ein schönes Wochenende und ich freue mich schon auf den 3. Oktober.

Allen liebevollen Helfern im Hintergrund danke ich an dieser Stelle noch einmal ganz herzlich.

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Für folgendes Gedicht bedanken wir uns recht herzlich bei Manfred Deutschmann. Haben auch Sie, liebe Besucher, Eindrücke, Vorschläge und Anregungen, die Sie uns mitteilen möchten? Senden Sie uns diese gern per E-Mail an info@offenergarten.de zu!

Offene Gärten

Seit Jahren rühmt sich Schleswig-Holstein einer lobenswerten Aktion.
Sie hat inzwischen eine viel beachtete Tradition.
Hunderte von Eigentümern öffnen einladend ihren Garten,
am Eingang brauchst du wahrlich nicht zu warten.

Im Juni jeden Jahres find´st du Einlass in so manches Paradies,
mitunter versteckt hinter Häusern wie ein Verlies.
Doch hast den Zugang du dann gefunden,
stehen dir bevor bezaubernd schöne Runden.

Es erfreuen dich majestätische Bäume, Sträucher, Stauden
der verschiedensten Art, umgeben oft von ansprechenden Gartenlauben.
Eine unglaubliche Fülle herrlicher Blüten strahlt dich an,
von ihrer abwechslungsreichen Pracht bist alsbald du angetan.

Farblich ansprechend komponierte Beete sind wie Symphonien,
in denen Blumenschönheit anmutig kommt zum Erblühen.
Bisweilen figuriert einheitliche Farbgestaltung einen stilvollen Salon,
innerhalb eines Blumenteppichs abgegrenzt von einem weiteren Farbton.

Rosen und Rhododendren, dazu Hortensien beherrschen das Bild,
es finden sich Clematis, Jasmin, Weigelie und vieles mehr in Gefield.
Gerne werden kletternde Rosen und Clematis so gezogen,
dass sie ranken über einen Durchgang gewährenden hohen Bogen.

Viele Gärten warten auf mit Teich, plätscherndem Gewässer.
Führt eine gewölbte Brücke schwungvoll drüber, wirkt´s noch besser.
Im feuchten Nass tummeln sich Fische und anderes Getier,
blühende Seerosen sind wahrlich mehr als eine Zier.

Verschlungene Wege führen dich behutsam durch die Herrlichkeit,
geben nach wenigen Schritten neue Anblicke frei, manchmal weit.
Geheimnisvolle Skulpturen umsäumen Pfade, schmücken eine Ecke,
lauschige Sitzplätze laden zum Verweilen ein, oft im Verstecke.

Manche Gärten weisen auf ausgeprägte Hanglagen,
die in Terrassen angelegte Beete vorzüglich vertragen.
Andere Anlagen haben einen schützenden Wald im Hintergrund,
dort ist das gesamte Landschaftsbild quasi rund.

Spezialisten erstellen einen heilbringenden Kräutergarten
mit der Kräuter zahlreichen und diversen Arten.
Von Kräuterfrauen immer wieder begeistert ist zu hören,
wie sehr Kräuteraromen, ihre ätherischen Öle uns betören.

Offensichtlich fühlen Vögel von einem naturbelass´nen Garten sich angezogen,
ihrem lieblichen Gesang sind wir hingebungsvoll gewogen.
Einem gesunden Garten bekommt die Vielzahl an Insekten,
wer ihnen aufstellt ein Hotel, wird zum perfekten Gartenarchitekten.

Ein Garten bietet dem viel beanspruchten Bürger einen stillen Ort,
er kann abschalten, Kummer und Sorgen fliehen fort.
Suchst du Entspannung, Ruhe und Frieden in dir,
geh´ in den Garten, du findest alles reichlich hier.

Die Gartenfreunde üben eifrig sich im schöpferischen Gestalten,
im einfühlenden Werkeln kann ein Talent sich hervorragend entfalten.
Als Resultat führt das oft zu gelungenen Natur-Kunst-Werken,
zeugen immer wieder von überraschend imposanten Stärken.

So präsentieren viele Gärten ein liebenswertes Stück heimischer Kultur,
geglückt eingefügt und zugleich abgerungen der Natur.
Es verwundert nicht, in Gartenliebhabern anzutreffen so
überzeugt Naturbeflissene auf hohem kulturellem Niveau.

Die jeweils zwei willkomm´nen Tage der offen Gärten
sind als liebenswürdige Tage der Begegnung zu bewerten,
der Begegnung zwischen Menschen, die Natur zu schätzen wissen,
und das selbst geschaff´ne Kulturwerk Garten nicht wollen vermissen.

Manfred Deutschmann, Juni 2008